Geschichte Noemi Ristau

Werdegang und Geschichte Noemi Ristau – Lebenslauf – Erfolge – Ziele

Noemi Ristau erblickte am 23.9.1991 in Großostheim bei Aschaffenburg das Licht der Welt. Damals noch mit vollem Augenlicht. In einer Familie mit drei Geschwistern fuhr sie in ihrer Kindheit jedes Jahr in den Familienskiurlaub. Schon damals ging es meist eher schnell den Berg hinab. Kurven und Stöcke waren bei ihr damals noch fremd.

Im Alter von 12 schlug dann das Schicksal zu: Nicht nur die Pubertät, sondern auch die schleichende Erblindung. Zunächst unbemerkt und unterschätzt, führte sie doch bald zum „Ski Stopp“. Während Ihre Geschwister weiter in den Skiurlaub fuhren, musste Noemi zu Hause bleiben. Zunächst noch in der Hoffnung, die Krankheit heilen zu können oder zumindest zu stoppen, wurden zahlreiche Ärzte konsultiert und Therapien versucht. Am Ende blieb Noemi zu Hause nur noch der Schreibtisch und der verzweifelte Versuch die Schule in den Griff zu bekommen. Auch das war mit immer weiter zunehmender Erblindung bald nicht mehr möglich.

Im Alter von 16 Jahren, in der 9. Klasse des Gymnasiums, blieb dann nur noch der Weg in die Umschulung: BTG, Blindentechnische Grundausbildung in Marburg. Ziel: Zurück in die Schule und Abitur. Zunächst ein Schock und ein neues Leben unter einer gefühlten Generation 70+ in der neuen Wohngemeinschaft. Alles musste für die ersehnte Selbstständigkeit neu erlernt werden: Blindenschrift, Kochen, den Weg finden, Computer mit Sprachausgabe. Aber schon bald war der Weg frei für die die neue Schule: Carl- Strehl- Schule Marburg/ Blindenstudienanstalt/ BLISTA. Der Weg zum Abitur war zum Greifen nahe und eine neue Wohngruppe mit gleichaltrigen sehbehinderten Mitschülern war schnell gefunden. Nur noch 4 Jahre und „Was nun in der Freizeit tun“?

Wie das Schicksal es so wollte, ging es mit der Schule gleich auf Skifreizeit. Im Vergleich zu den meisten blinden Mitschülern konnte Noemi schon Skifahren.…zumindest konnte sie es, als sie noch sehen konnte und hatte nur wenige Schwierigkeiten den Berg nun blind hinunter zu rasen. Auch die erste Woche auf Langlaufski konnte Ihr den Spaß nicht nehmen. Nach diesen tollen Erfolgen musste es weiter gehen.

Nach Ermunterung durch ihre Betreuer war der Weg frei für das nächste Abenteuer: Mit dem Skiverein Blau-Gelb Marburg auf die integrative Familienfahrt nach Fideris im Jahre 2008. Neue Herausforderungen warteten auf Noemi: Skifahren mit Stöcken und Kurven. Dank der tollen Betreuer, welche in Zukunft „Guides“ heißen sollten, war aber auch das kein Problem. Schon mehr machten Noemi die Kurven ein Problem. „Carven“ sollte sie und bewusste Körperpositionen einnehmen, und alles ohne Augenlicht und „blind“ dem Guide vertrauen. Die Fahrt nach Fideris wurde zum Jahreshighlight. Skifahren in verschiedenen Geschwindigkeiten und Geländen mit tollen Skilehrern war das absolut Größte für Noemi. Neben dem Langlauf wurde auch das Snowboarden ausprobiert und in den Sommerpausen der Blindenfußball. Auch der Einsatz auf der in Marburg ausgetragenen Blindenfußball WM konnte Noemi nicht vom Skifahren abhalten. Auf weiteren Freizeiten wurden der Tiefschnee und das vom Vater gebastelte Headset erprobt. 2012 ging es dann zunächst das letzte Mal nach Fideris und auch das Fachabitur auf der BLISTA war geschafft.

Was nun? Skifahren? Fußball? Studieren? Blind und immer in Marburg sein? Nein..… Reisen war das Ziel! Farben und Gerüche zogen die frisch gebackene Abiturientin, auf eine Schule ganz ähnlich der BLISTA: Ein Mädcheninternat für blinde Kinder und Jugendliche in der Millionenstadt Puna mitten in Indien. Die Organisation „Weltwärts“ vermittelte der selbst noch jungen Ex-Schülerin ein Freiwilliges Soziales Jahr: „Lehrerin“ auf einer Schule mitten im indischen bunten „Chaos“. Richtige Lehrer sind dort Mangelware und so wurde Noemi mit offenen Armen empfangen. Sie unterrichtete nach kurzer Einarbeitung Englisch, Sport und auch Ergotherapie welches ihr späteres Leben noch stark beeinflussen sollte. An dem mitgebrachten Blindenbußball mit eingebauter Klingel erfreuten sich die Mädchen ganz besonders, so dass er schließlich bei den glücklichen Fußballerinnen in Indien blieb.

Nach der Rückkehr nach Deutschland ging es bald wieder nach Marburg in das bekannte Umfeld. Aber was nun? Orientieren? Studieren? Immer noch recht unentschlossen ging sie zunächst als Praktikantin in den Waldorfkindergarten. Schon bald kam Noemi die Erinnerung an das Skifahren. Einmal im Jahr nach Fideris konnte aber nicht alles sein. Bald war der Kontakt zum Deutschen Behinderten Sportverband hergestellt und es ging das erste Mal mit einer ganzen Mannschaft Gleichgesinnter in die Berge. Sehr schnell wurde Noemi klar, dass es nicht nur geradeaus den Berg hinab ging, sondern auch noch um rote und blaue Stangen herum „gecarvt“ wurde. Dabei half das, vom Förderverein geschenkte neue Profi Headset. Jetzt machte es Noemi richtig Spaß und sie fuhr immer wieder mit der deutschen Nachwuchsmannschaft in die Alpen. In dieser Zeit wurde Noemi klar, dass „Die Schule“ in Marburg ihre neue Ausbildungsstätte werden sollte. Der tägliche Umgang mit verschiedensten Behinderungen reizte Noemi nicht nur beim Sport, sondern stellte eine auch interessante berufliche Perspektive dar. Der schon in Indien erschnupperte Bereich der Ergotherapie sagte Ihr besonders zu und die passende Ausbildung in Marburg war gefunden.

Was nun noch auf der Piste fehlte, war ein passender Guide. Nachdem dies übergangsweise die Trainerin der Mannschaft übernommen hatte, suchte Noemi in Ihrem Heimatskiverein Blau-Gelb Marburg nach passenden Skifahrern. Bald fanden sich zwei ehemalige Rennläufer. Nach ersten Versuchen war das Ziel klar: Rennen fahren! Zu dem Profi Headset kam nun auch Profi Skier von Völkl und für den perfekten „Blick“ Skibrillen von Alpina. Um die Finanzierung der ersten Saison kümmerte sich die Vereinsvorsitzende der Skiabteilung des Blau Gelb Marburg, Ursel Eckstein persönlich: Vereine, Uni, Stadt, Landkreis, Land und Verbände halfen kräftig mit. Die verbleibenden Kosten teilte sich Noemi mit Ihren Guides. Ein Erbe von Noemis Großmutter und private Rücklagen der Guides mussten herhalten.

Aber der Einsatz sollte sich lohnen: Schon in der ersten Saison ließen sich die Ergebnisse sehen: Europacup Siege, Slalom Welt- Ranglistensiegerin 2015/16, Deutsche Meisterin. Nun musste es weitergehen und das Ziel war klar: Paralympics 2018 in Pjöngjang sollte es sein. Ließ sich die erste Saison noch einigermaßen aus eigenen Ersparnissen finanzieren, wurde für die Zukunft ein Finanzierungsproblem immer deutlicher. Auf Grund der tollen Rennerfolge in der ersten Saison erfolgte die Nominierung in den C-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Ein Teil der Kosten des Trainings und der Rennen war nun gesichert. Allerdings bedeutet der C-Kader Status nur eine Teilförderung und um bis zu den Paralympics zu kommen, klaffte noch eine erhebliche „Gletscherspalte“. Durch die großzügige Förderung der BLISTA konnte die Lücke nun für ein weiteres Jahr geschlossen werden. Die kommende Saison ist gesichert. Erste World Cup Einsätze und die Weltmeisterschaften in Italien stehen auf dem Programm. Nach der letzten Saison möchte Noemi mit Ihren Guides noch eins drauflegen! Wir freuen uns für Sie auf neue Herausforderungen und viele Erfolge auf dem Weg zu den Paralympics.

Der größte Erfolg in der zweiten Saison war die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Tarvisio Italien 2017. Mit dem vierten Platz im Riesenslalom und dritten Platz im Slalom qualifizierten sich Noemi und Ihr Guide Lucien für den A-Kader Kader und der Grundstein für etwas mehr Förderung durch den Deutschen Behinderten Sportverband und die Sporthilfe war gelegt.

Das große ziel für die dritte Saison 2017/2018 war die Qualifikation für die Paralympics in Südkorea PyeoungChang. Schon auf den ersten Rennen im Dezember im Kühtai erreichte Noemi auf den ersten Worldcups der Saison die Norm. 4 Rennen und dreimal auf dem Treppchen! Der Nominierung am 30.1.2018 sollte also nichts mehr im Wege stehen.